Grußwort | P. Dr. Cornelius Bohl OFM

Mutmachende Erinnerung

P. Dr. Cornelius Bohl
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P. Dr. Cornelius Bohl

Vor 800 Jahren kommen meine Brüder aus Assisi nach Deutschland. Ich stelle mir vor, ich käme mit ihnen ins Gespräch …

Ihr habt damals eure vertraute Heimat verlassen und seid in unbekanntes Neuland aufgebrochen. Wir heute suchen auch neue Wege – und denken oft insgeheim, es müsse doch alles irgendwie so weitergehen wie bisher. Ihr habt euch auf den Weg gemacht.

Mobilität ist auch ein Zeichen unserer Zeit. Aber ich erlebe auch Unbeweglichkeit und Erstarrung, nicht zuletzt in der Kirche.

Gab es niemand unter euch, der auf Nummer sicher gehen wollte? Schließlich seid ihr mit eurem Weg über die Alpen eine Menge Risiken eingegangen …

Zweierlei scheint euch trotz aller Unsicherheiten klar: Wir werden auch jenseits der Alpen Menschen begegnen. Und wir haben ihnen etwas zu bringen.

Ein wenig Lust auf Begegnung und Vertrauen in die eigene Sendung könnten wir schon von euch lernen, gerade weil wir heute so viel an unseren internen Strukturen herumdoktern.



Ein erster Versuch, in Deutschland Fuß zu fassen, war wenige Jahre zuvor gescheitert. Erst 1221 klappt es. Dieses Projekt war besser vorbereitet. Kluge Planung ist sinnvoll. Aber es darf auch mal etwas danebengehen. Manchmal braucht es halt zwei, drei Anläufe.

Ihr kommt im Herbst 1221 mit etwa 30 Brüdern nach Augsburg. In Corona-Zeiten ist das schon viel. Sonst eigentlich nicht. Warum starren wir eigentlich ständig auf die (abnehmenden) Zahlen, statt froh mit den Brüdern (und Schwestern!), die da sind, kreativ das zu tun, was möglich ist?

Manchmal beneide ich euch. Ihr wart noch unbelastet von schwerfälligen Strukturen. Was würden wir heute in Deutschland beginnen, wenn wir nur eine Handvoll Brüder hätten – und sonst nichts? Diese Frage könnte sich ähnlich auch jede christliche Gemeinde stellen …

 Es tut gut, sich nach 800 Jahren an euch zu erinnern.

Pater Dr. Cornelius Bohl, Provinzialminister der Deutschen Franziskanerprovinz


Lesen Sie hier auch das Grußwort im Rahmen des Eröffnungsgottesdienstes zum Jubiläumsjahr von P. Dr. Cornelius Bohl vom 20. Mai 2021 oder sehen Sie es auf Youtube an.